Die Lehren Teil I


Als ich ihn traf, damals war ich in einer nicht minder schwierigen Phase. Ich wei? heute nicht mehr, was es schlussendlich gewesen war, was unsere Wege zusammen gef?hrt hatte. Aus meiner heutigen Sicht w?rde ich sagen, war es Einsamkeit, beiderseitig. Er, weil er etwas verloren hatte und ich, weil ich es noch nicht gefunden hatte.
Er stand etwas im Abseits, an eine Wand gelehnt. Ich besuchte sonst nicht solche Locations, doch in meiner Verzweiflung an diesem Abend, an dem ich den Glauben verloren hatte, an Bestimmung und Liebe, als ich nur noch glaubte, das einzig die Liebe zu mir mich retten k?nne, stand er nun unter dem Steinbogen des Kellergew?lbes, etwas gelangweilt und tief in Gedanken versunken. Er hatte etwas Trauriges in diesem Moment, dennoch war er zweifellos sch?n. Seine halblangen dunklen Haare fielen ihm leicht in die Stirn, wenn er ab und zu hochblickte und seine Gedanken in die R?ume schweifen lie?. Dieser schicksalhafte Moment, er an die Wand gelehnt und ich, hilflos in meiner Angst hatte etwas Magisches. Es war nicht Liebe, sondern Verst?ndnis. Er passte ebenso wenig hierher wie ich es tat. Vielleicht war das der einzige Zufall der uns damals verband, doch wir kamen ins Gespr?ch und ?ffneten einander, wie Verb?ndete, die sich nur an ihren Zeichen erkannten, das sie zu demselben Clan geh?rten.
Die ersten Wochen erlebte ich wie in einem Traum und wir verliebten uns ineinander. Ich m?chte hier ganz besonders auf ein Ereignis eingehen, von dem ich glaube das es genau aus diesem Grund Bestimmung war und ein weiteres Ereignis anf?gen, von dem ich glaube das die Bestimmung, die es zweifellos war, mich lehren sollte ?ber den Verrat. Doch zun?chst m?chte ich noch kurz auf unser eigentliches Verh?ltnis eingehen
Als ich ihn kennen lernte , war er rein gewesen. Seine Ansichten und Gedanken st?tzen mich ungemein und ich bewunderte ihn f?r seine Aufrichtigkeit, die ich nie so hatte finden k?nnen, viel zu sehr hatte ich mich verbergen wollen, f?r all das was ich getan und gesagt hatte in meinem Leben. So sehr wie ich Sicherheit in ihm fand, fand er in mir die Freiheit die er nie gewagt hatte anzur?hren. Eine ungeb?ndigte Freiheit, in der man Leben noch lebt und nicht katalogisiert. Man k?nnte also sagen, das wir genau in der Phase unseres Lebens, als das Bed?rfnis unstillbar geworden war nach Freiheit auf der einen Seite und Sicherheit auf der anderen Seite, wir ein symbiotisches Verh?ltnis eingingen. Unser symbiotisches Verh?ltnis beruhte auf einigen Regeln. Eine solche Abh?ngigkeit, basiert stets auf einem Nutzen, den man voneinander hat, sonst funktioniert dieses Beziehungsgef?ge nicht. Wie ich eingangs schon sagte, glaube ich das die Liebe die uns damals verband, eher ein Gef?hl war der Einsamkeit, der beiderseitigen Suche. Der erste Abh?ngigkeitsfaktor der uns zu Symbionten machte, war also Einsamkeit. Und auch hier gibt es durchaus Unterschiede. F?r ihn bedeute Einsamkeit den Verlust zu sp?ren von etwas Erlebten. Ich hingegen sp?rte den Verlust oder besser die Sehnsucht nach etwas noch nicht Erlebten. Seine Unf?higkeit in Freiheit zu sich selbst zu leben und vielleicht auch abseits der Wege diese Freiheit zu finden, war f?r ihn das h?chste Streben. Dieses Streben, diesen Sog den er mit mir erlebte, erm?glichte ihm diese Freiheit. Jedoch war f?r ihn die Freiheit wiederum, eine ?u?ere Freiheit, die er mit Anerkennung und Bewunderung ma?, f?r mich war Freiheit, etwas innerliches, es war die Wahrung meiner Tr?ume, nicht irgend eine ?ffentliche Meinung. Die Freiheit die ich jedoch lebte, war kein Halt und keine Sicherheit, er hingegen kannte nur Sicherheit und Halt. Doch er lebte mehr in einer prinzipiellen Sicherheit, eine ?u?ere Sicherheit, ich hingegen suchte die innere Sicherheit, die Ruhe. Und je mehr Freiheit er durch mich erlangte, umso mehr wankte meine Sicherheit, sein Dr?ngen nach der ?u?eren Welt, war so stark wie mein Dr?ngen nach der inneren Welt.
Das was er suchte in der Freiheit, war nicht das was ich suchte in der Freiheit.
Und das was er in der Sicherheit fand, war nicht das was ich finden wollte.
Doch wir gew?hrten uns Sicherheit, wir gew?hrten uns Freiheit.
Als ich ihn traf, gegen die Wand gelehnt, war es unerheblich gewesen welche Freiheit ich lebte und welche Freiheit er suchte. Ich h?tte an diesem Abend ganz am anderen Ende der Stadt sein sollen, gl?cklich in den Armen eines Studenten, der genauso hie?, wie er, der jetzt gegen die Wand lehnte. Nur ein Zufall, ein Hauch der Ewigkeit, hatte mich hierher verschlagen, wie ihn, der genau wie ich, hier nicht hergeh?rte und am anderen Ende der Stadt jetzt h?tte sein sollen. Wir waren also von Anfang an Verb?ndete gewesen. Wir haben uns Zuflucht gew?hrt. Ein B?ndnis das durchaus loyal gewesen war, doch in der Liebe gibt es keine Vertr?ge, die man schlie?t und an dessen Abreden man sich h?lt. Wenn der Verrat so unertr?glich gro? ist, so offensichtlich ist, kann man sich nicht mehr verstecken hinter irgendeiner Fassade, einem Nutzen.


Die Bestimmung


Es war lange bevor er wegging, lang bevor ich ahnen konnte, welche Bedeutung die Zeit die ich mit ihm verbrachte haben sollte, lang bevor ich ahnte das all das mich zu mir f?hren sollte. Wir kannten uns erst wenige Wochen. Es war ein sch?ner Sommer gewesen und wir verbrachten lange Abende in angenehmer K?hle und beobachteten das hei?e Flimmern ?ber der Stadt, liefen Hand in Hand durch die W?lder, lachten und scherzten, liebten uns innig und leidenschaftlich, waren vereint zwischen Himmel und Erde und flohen vor der Wirklichkeit in unsere Tr?ume, die wir lebten. Ein Vertrag auf Raten.
Wenn wir heranwachsen, ist es wie das Erwachen aus einem Donr?schenschlaf. Unsere Vorstellung aus Phantasie und M?rchen, erlischt, ersetzt sich irgendwann mit Realit?t, mit eigenen Erfahrungen. Ja es ist vielmehr ein Glaube tief verankert und verwurzelt in unserer Seele. Es sind die Dinge die wir bewahren, nach denen wir uns richten, die uns Hoffnung geben. Doch es ist eine Frage der Zeit, das wir erwachen, es h?ngt an den Erfahrungen und Menschen, an Schmerz und Liebe, an Verrat, die einem aus diesem Dornr?schenschlaf wecken, den es ist nur ein Schlaf, ein ewiger Schlaf, in dem man, wird man nicht geweckt, stets in Tr?umen nur versunken ist. Tr?ume sind wie eine Burg. Eine Festung die man bewohnt und h?tet. Doch sie sind kein Leben, sie sind Phantasie, die zehrt von der Realit?t.
Was ich fand war nicht Liebe, nicht die Liebe, die ich mit Versunkenheit und v?lliger Hingabe erwartete. Doch wie kann ich lieben, wenn ich selbst nichts wei? ?ber die Liebe, ?ber deren Formen. Wie kann ich wissen, wenn ich nur eine Entscheidung zu treffen vermag. Die der Hingabe. Des Risikos.
Ich war noch l?ngst nicht erwacht.
Ich erinnere mich an einen alten Song von Garth Brooks. Unanswered prayers.
Und ist es nicht so, das man zur?ck schaut und feststellt, das all das was man sich damals w?nschte, heute an Bedeutung verloren hat, viel zu schnell an Bedeutung verloren hatte.
Er hat an Bedeutung verloren. Er ist wie ein Traum, an den ich mich nur noch verschwommen erinnere, der verblasst, immer mehr und mehr.
Ich kannte ihn damals ein paar Wochen. Es muss an einem Samstag gewesen sein. Wir verabredeten uns mit seinen Freunden, eine weitere Vorf?hrung, der ich unterlegen war durch unseren Vertrag, und trafen uns in irgend so einem Rock- Schuppen, der etwas abgelegen in einem Vorort lag. Ich erw?hne diesen Abend, weil er der Beginn dieses Wachr?ttelns war und letztlich verantwortlich f?r ein paar entscheidende Lehren.
Ich wei? nicht ob man es Lehren nennen sollte, ich betrachte es vielmehr als den Abschluss eines Prozesses, der den Weg ebnet und uns reifen l?sst. So sind meine Lehren nicht als Antwort zu verstehen, sondern sie geben einen neuen Blinkwinkel.
An diesem Abend begegnete ich M?cke. M?cke war ein verr?ckter, liebenswerter Kerl, ein wenig gestellt, ein wenig haltlos, doch gefestigt in seiner Gutm?tigkeit, seiner Liebe, seinem sch?nem Wesen, das ich nicht Ernst nehmen kann, und das mich doch so sehr an mich selbst erinnert.
M?cke war ein Fixpunkt in meinem Leben, eine Ver?nderung die er einleitete oder die ich durch ihn erkannt habe. Als er damals wegging und ich mich noch genau erinnerte an ihn, wie er gegen die Wand gelehnt stand, war M?cke mein Trost, mein bester Freund. Ich fand die Musik durch ihn, ich fand Hingabe durch ihn und vielmehr noch ich fand jene Mentoren die mich leiten, und ich fand Liebe, fast zwei Jahre sp?ter nach dieser Begegnung. So kann ich sagen, das M?cke durch seine Anwesenheit, durch unser Zusammensein, mein Leben ver?nderte. Er f?hrte mich zu meiner Bestimmung. Doch h?tte ich seinen Freund, meinen Freund, meine jetzt verblasste Erinnerung, nicht an diesem Abend getroffen, gegen die Wand lehnend, h?tte ich nie all die Dinge erfahren, w?re nie all den Menschen begegnet, w?re nie mir begegnet.
Ich bin durch dunkle einsame N?chte gereist, in denen ich mir n?her war, als jemals vorher und den Schmerz den ich f?hlte, war nur ein Versto? gegen den Vertrag. Denn es war der Schmerz, der mich befreien sollte von einer Last, die ich aufgeb?rdet bekam, die ich nicht bestimmt war zu tragen.
Ich bin noch l?ngst nicht erwacht.
Wir sind die Wirbellosen vor dem Leben und vor dem Tod.




Der Verrat


Als er fortging damals, hielten wir 10 Monate lang intensiv Kontakt.
Ist es Verrat loyal zu sein ? Doch ist es loyal einen Vertrag einzuhalten, der nichts mit Loyalit?t zu tun hat, sondern nur einen Nutzen erf?llt, der unsere Zwischenmenschlichkeit berechnend macht? Nennen wir es dann Freundschaft oder Sympathie statt Liebe und ist nicht alles Liebe in jener Form der Verbindungen die wir zueinander haben? Aber wenn es keine Liebe ist, sondern Berechnung getarnt unter dem Schein der Loyalit?t dann ist es Verrat. Verrat an der Liebe, an der Hingabe, an der Leidenschaft, Verrat an unseren Tr?umen. Wir haben das Leben zu einer L?ge gemacht, die uns distanziert hat, die uns gelehrt hat eine Fassade zu lieben, einen Traum, aus dem man noch nicht erwacht ist, aber wei? das der Morgen nicht mehr weit ist. Und doch, m?ssen wir nicht tr?umen um zu leben, um zu hoffen, um uns zu entwickeln? Es ist ein zweischneidiges Schwert mit dem wir da k?mpfen. Wir sind die Wirbellosen vor dem Leben und vor dem Tod.

21.2.06 11:12

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